„Die Rechnungen werden jetzt in Sekunden verarbeitet.“ Klingt nach Erfolg. Bis die Finanzleitung fragt: „Und was hat uns das unterm Strich gebracht?“

Tempo ist leicht zu sehen. Die Wirtschaftlichkeit eines Prozesses, seine Amortisation und den ROI einer KI-Einführung sieht man deutlich schwerer. Laut DZ BANK nutzen bereits 58 % der Unternehmen im deutschen Mittelstand KI, doch 41 % der Befragten erkennen bislang keinen Nutzen.*

Dieser Beitrag hat fünf Teile. Zuerst eine Beispielrechnung. Dann drei Irrtümer, von denen abhängt, ob Sie mit dem Projekt Geld verdienen oder verlieren. Danach eine kleine Statistik: Was kostet eine Rechnung Unternehmen im Durchschnitt? Anschließend kurz: was die E-Rechnung verändert. Und zum Schluss eine Checkliste, was Sie vor der KI-Einführung in der Rechnungsverarbeitung tun sollten.

Die Rechnung, die allen gefällt

Nehmen wir ein fiktives Projekt und rechnen daran die Wirtschaftlichkeit einer KI-Einführung durch. Die Zahlen in diesem Beispiel sind erfunden: Sie dienen der Veranschaulichung und sind weder Ergebnis einer Studie noch Daten eines realen Projekts.

Ein Unternehmen erhält 400 Eingangsrechnungen pro Monat. Bisher wird jede von Hand bearbeitet, das dauert 6 Minuten pro Rechnung. Bei 45 € pro Arbeitsstunde sind das 40 Stunden und 1.800 € im Monat.

Jetzt kommt die KI. Sie braucht nur noch 2 Minuten pro Rechnung: 13,3 Stunden und 600 €. Ersparnis: 26,7 Stunden und 1.200 € im Monat. Die Einführung kostet 6.000 €, rechnet sich also nach 5 Monaten. Sieht nach einem klaren Erfolg aus.

Nicht so schnell. In dieser Rechnung fehlt etwas.

Rechnungen müssen weiterhin geprüft werden. Fehler müssen korrigiert, Ausnahmen bearbeitet, KI-Ergebnisse kontrolliert werden. Und es entstehen neue Kostenpositionen, von denen in der Präsentation des Anbieters meist nicht die Rede ist.

Jedes KI-Ergebnis prüft ein Mensch, sagen wir eine Minute pro Rechnung. Manche Rechnungen kann die KI nicht selbst zu Ende bearbeiten. Nehmen wir an, es sind 20 %, also 80 von 400, und für jede davon braucht der Mitarbeiter 8 Minuten. Auch die KI selbst muss beobachtet werden: Stichproben, und der Blick dafür, wann sie häufiger Fehler macht. Dazu kommen Kosten, die nicht von der Rechnungszahl abhängen: Lizenz und ein externer Spezialist, der die Lösung betreut. Rechnen wir noch einmal:

Pro Monat So wird meist gerechnet So sieht es aus
Prüfung jedes Ergebnisses (400 × 1 Min.) nicht berücksichtigt 6,7 Std.
Bearbeitung der Rechnungen, die die KI nicht geschafft hat (80 × 8 Min.) nicht berücksichtigt 10,7 Std.
Kontrolle der KI selbst nicht berücksichtigt 4 Std.
Arbeitsstunden des Mitarbeiters insgesamt 13,3 Std. (2 Min. pro Rechnung) 21,3 Std.
Arbeitszeit des Mitarbeiters 600 € 960 €
Lizenz nicht berücksichtigt 250 €
Betreuung (3 Std. × 90 €) nicht berücksichtigt 270 €
Gesamt pro Monat 600 € 1.480 €
Ersparnis gegenüber 1.800 € 1.200 € 320 €
Amortisation der 6.000 € 5 Monate rund 19 Monate

Statt 1.200 € bleiben 320 € Ersparnis. Statt 5 Monaten dauert die Amortisation 19. Aus dem Triumph wird ein Projekt, in das man unter diesen Bedingungen kaum Geld stecken sollte. Das heißt nicht, dass es in Ihrem Unternehmen genauso aussieht. Aber so sieht die Amortisationsrechnung (der ROI) aus, wenn alle Positionen enthalten sind.

Drei Irrtümer, die ein Projekt in die roten Zahlen führen können

Ein Teil der Zahlen in dieser Rechnung ist stabil: Stundensatz, Lizenzpreis, Einführungskosten. Aber drei Werte schwanken, und von ihnen hängt es stark ab, ob Sie bei der Bewertung der Wirtschaftlichkeit einer KI-Einführung in diesem Prozess Geld gewinnen oder verlieren. Zu jedem dieser Werte hört man leicht einen beruhigenden Satz. Genau solche Sätze entscheiden darüber, ob sich künstliche Intelligenz in Ihrem Prozess überhaupt lohnt.

„Die KI schafft die meisten Rechnungen, der Rest ist Kleinkram“

So sieht es aus. In der Rechnung oben habe ich sie „Rechnungen, die die KI nicht zu Ende bearbeitet hat“ genannt. Üblicherweise spricht man von Ausnahmen. Das ist eine Rechnung, mit der das Programm nicht allein zurechtkommt und die ein Mensch klären muss.

Zwei verschiedene Beispiele. Erstes Beispiel: Eine Rechnung kommt ohne Bestellnummer. Der Mitarbeiter sucht, zu welcher Bestellung sie gehört, ruft Kollegen im Einkauf an, klärt, ob die Ware tatsächlich eingegangen ist, und bucht die Rechnung erst dann. Zweites Beispiel, unabhängig vom ersten: Ein Lieferant hat seine Bankverbindung geändert. Der Mitarbeiter muss prüfen, dass die E-Mail mit den neuen Kontodaten echt ist und nicht von Betrügern stammt, den Lieferanten anrufen, die Daten im System aktualisieren und erst dann zahlen. In beiden Fällen gehen für eine einzige Rechnung leicht 8 Minuten und mehr drauf, also ein Vielfaches einer normalen Rechnung.

Was die Daten zeigen. Sehen Sie, was in unserem Beispiel passiert, wenn man nur den Anteil dieser Rechnungen verändert:

Ausnahmeanteil Ersparnis im Monat Amortisation
10 % +560 € rund 11 Monate
20 % +320 € rund 19 Monate
30 % +80 € rechnet sich praktisch nicht

Die Ersparnis verschwindet bei etwa einem Drittel Ausnahmen. Damit sich das Projekt innerhalb eines Jahres amortisiert, dürfen es nur etwa 12 % oder weniger sein.

Zur Orientierung: Laut Ardent Partners (AP Metrics That Matter, 2025, Befragung von 212 Fachleuten aus Kreditorenbuchhaltung und Finanzwesen) braucht im Durchschnitt 14 % der Rechnungen das Eingreifen eines Menschen, bei den besten Unternehmen 9 %, ohne Automatisierung etwa 22 %. Diese Zahlen beschreiben nicht die Fehlerquote der KI, sondern jede Rechnung, die von Hand geklärt werden musste. Nach der Zusammenfassung auf der Seite von Parseur entstehen solche Fälle häufiger durch Abweichungen von der Bestellung, fehlende Wareneingangsbestätigungen und unvollständige Lieferantendaten als dadurch, dass das Programm das Dokument schlecht gelesen hätte. Genaueres Lesen der Rechnung allein dürfte diesen Anteil also kaum senken.

Was das bedeutet. Von einer einzigen Zahl, dem Anteil der Rechnungen, die vom Standard abweichen, hängt ab, ob das Projekt überhaupt Sinn hat. Bei 10 % amortisiert es sich in weniger als einem Jahr, bei 20 % in fast zwei, bei 30 % gar nicht. Deshalb sollten Sie vor dem Kauf nicht fragen, wie klug die KI ist, sondern wie viele Ihrer Rechnungen vom Standard abweichen. Diese Zahl steht in keiner Anbieterpräsentation. Sie lässt sich nur an Ihren eigenen Rechnungen ermitteln.

„KI ist günstig, die rechnet sich bei jeder Menge“

So sieht es aus. Ein Teil der Kosten hängt nicht davon ab, wie viele Rechnungen Sie bearbeiten. Im Beispiel sind das die Lizenz mit 250 €, die KI-Kontrolle mit 180 € (4 Stunden à 45 €) und die Betreuung mit 270 €, zusammen 700 € im Monat. Diese 700 € zahlen Sie bei 50 Rechnungen genauso wie bei 1.000. Der Rest (Prüfung und Bearbeitung der Ausnahmen) wächst mit dem Volumen.

Was die Daten zeigen. Bleibt der Ausnahmeanteil bei 20 %, spart die KI pro Rechnung etwa 2,55 € (manuelle Bearbeitung 4,50 € minus Prüfung und Ausnahmen 1,95 €). Mit dieser Ersparnis müssen die festen 700 € gedeckt werden.

Rechnungen pro Monat Ergebnis pro Monat
100 minus 445 €
275 etwa null
400 plus 320 €
470 Amortisation nach 12 Monaten
1.000 plus 1.850 €, Amortisation nach rund 3 Monaten

Was das bedeutet. Je mehr Rechnungen, desto mehr lohnt sich die KI: Die festen 700 € verteilen sich auf immer mehr Dokumente. Aber es gibt eine Schwelle. In diesem Beispiel spart die KI unter etwa 275 Rechnungen im Monat nichts, sondern verursacht zusätzliche Kosten. Die Antwort auf die Frage „Rechnet sich das?“ lautet deshalb immer: „Bei Ihrem Volumen und Ihrem Anteil an Ausnahmen.“ Je mehr Rechnungen, desto schneller die Amortisation, aber bei kleinem Volumen rutscht das Projekt ins Minus.

„Die KI hat 19 Stunden im Monat frei gemacht, also sparen wir“

So sieht es aus. Die Gehälter der Mitarbeitenden sinken nicht automatisch, wenn die Bearbeitung der Rechnungen weniger Zeit kostet. Die frei gewordene Zeit muss zusätzlichen Nutzen bringen: mehr Dokumente bearbeiten, mehr Kunden betreuen oder andere reale Kosten senken. Genau hier liegt das Hauptproblem vieler Business Cases für KI-Einführungen.

In unserem Beispiel werden rund 19 Stunden im Monat frei (genauer: 18,7). Lizenz und externer Spezialist aber sind zusätzliche 520 € jeden Monat, neues Geld aus der Kasse.

Was die Daten zeigen. Bleiben diese Stunden ungenutzt, gibt es keine Ersparnis, sondern minus 520 € im Monat. Fließen sie in Aufgaben, die dem Unternehmen etwas bringen, zu denselben 45 € pro Stunde, sind das rund 840 €, und es ergeben sich genau die +320 €. Um allein die 520 € zu decken, müssen etwa 12 der 19 Stunden in Aufgaben fließen, die das Unternehmen wirklich braucht.

Was das bedeutet. Die Ersparnis entsteht nicht durch die KI selbst, sondern dadurch, wofür die frei werdende Zeit genutzt wird. Das müssen Sie vor dem Start klären: konkrete Aufgaben benennen und eine konkrete Person, die dafür verantwortlich ist.

Kleine Statistik: Was kostet eine Rechnung im Durchschnitt?

Es gibt einen einfachen Weg zu prüfen, ob in der Rechnung etwas fehlt: die Kosten durch die Zahl der Rechnungen teilen. In unserem Beispiel kostet eine Rechnung von Hand 4,50 € (nur die Arbeitszeit des Mitarbeiters). Nach der Rechnung „So wird meist gerechnet“ würde sie mit KI 1,50 € kosten. Nach der Rechnung „So sieht es aus“ sind es 3,70 €.

Nun ein Branchenvergleich. Laut Ardent Partners (2025) liegen die vollen Kosten für die Bearbeitung einer Rechnung im Durchschnitt bei 9,40 US-Dollar, bei den besten Unternehmen bei 2,78 US-Dollar. Darin enthalten sind sowohl Software als auch die Arbeit der Mitarbeitenden an Ausnahmen. Die manuelle Bearbeitung wird je nach Quelle auf 12,88 bis 19,83 US-Dollar geschätzt. Diese Zahlen lassen sich nicht direkt mit unserem Beispiel vergleichen: andere Währung, anderes Land, andere Kostenpositionen, und die Seite mit diesen Daten gehört einem Softwareanbieter. Der Schluss ist trotzdem nützlich: Wenn eine Rechnung in Ihrer Kalkulation nach der KI-Einführung weniger kostet als bei den besten Unternehmen der Branche, fehlt in der Kalkulation sehr wahrscheinlich etwas. Bei 1,50 € ist genau das der Fall.

Wenn Sie auf die E-Rechnung umstellen

In Deutschland wird schrittweise die elektronische Rechnung (E-Rechnung) verpflichtend. Das ist eine Rechnung in einem strukturierten Format, das ein Programm direkt lesen kann, statt sie wie ein Bild zu „erkennen“. Wenn bei Ihnen die meisten Rechnungen künftig so eingehen, verändert sich die Rechnung. Der Teil „KI liest das Dokument“ wird weniger wertvoll, der Abgleich mit Bestellungen und die Klärung von Sonderfällen werden wichtiger. Das ist meine Beobachtung, nicht das Ergebnis einer Studie.

Mehr dazu, was die E-Rechnung für Geschäftsprozesse bedeutet, habe ich hier geschrieben: Ihre E-Rechnung ist digital. Warum arbeitet Ihre Buchhaltung noch manuell?.

Checkliste: Was Sie vor der KI-Einführung in der Rechnungsverarbeitung tun sollten

Nehmen Sie reale Rechnungen. Lassen Sie 100 bis 200 Rechnungen der letzten Monate durchlaufen, keinen Demo-Datensatz, und ermitteln Sie den Anteil der Ausnahmen und deren Ursachen. Grundlage: Von diesem Anteil hängt im Beispiel ab, ob sich das Projekt rechnet.

Zählen Sie Ausnahmen in Stück. Multiplizieren Sie das Monatsvolumen mit dem Anteil: 400 × 20 % = 80 Rechnungen. So sehen Sie, wie viel manuelle Arbeit tatsächlich übrig bleibt.

Messen Sie die Zeit pro Ausnahme. Übernehmen Sie nicht die 8 Minuten aus diesem Beispiel, sondern stoppen Sie die Zeit nach Fallarten. Grundlage: Wenn es statt 8 Minuten 15 sind, rutscht das Projekt bei denselben 400 Rechnungen und 20 % Ausnahmen um etwa 100 € im Monat ins Minus.

Nehmen Sie alle Positionen in die Kalkulation auf. Prüfung, KI-Kontrolle, Lizenz, Betreuung: Stunden mal Stundensatz. Grundlage: Genau diese Positionen unterscheiden die Rechnung „So wird meist gerechnet“ von der Rechnung „So sieht es aus“.

Rechnen Sie mehrere Szenarien. Einen optimistischen, einen erwarteten und einen pessimistischen Wert für den Ausnahmeanteil, dazu Ihr reales Volumen. Legen Sie vorab fest, bei welchem Ergebnis Sie das Projekt nicht starten. Grundlage: In unserem Beispiel machen aus 11 Monaten „rechnet sich nicht“ schon der Unterschied zwischen 10 % und 30 %.

Entscheiden Sie, wofür die frei werdenden Stunden genutzt werden und wer dafür verantwortlich ist. Benennen Sie konkrete Aufgaben, die das Unternehmen braucht. Grundlage: Ohne das bleibt die frei werdende Zeit ein Kostenfaktor statt einer Ersparnis.

Was diese Daten nicht beweisen

Sie beweisen nicht, dass sich KI in der Rechnungsverarbeitung nicht rechnet. In unserem Beispiel amortisiert sich das Projekt bei 10 % Ausnahmen oder bei 1.000 Rechnungen im Monat schnell. Sie beweisen auch nicht, dass Ihre Zahlen genauso aussehen: Das Beispiel ist erfunden. Die Daten von Ardent Partners beruhen auf einer Befragung von Fachleuten und werden hier in der Zusammenfassung eines Softwareanbieters wiedergegeben. Alle diese Quellen beschreiben das Gesamtbild, nicht Ihren Prozess. Deshalb ist das Fazit einfach: In die Rechnung gehören Ihre Zahlen.

Die entscheidende Frage ist nicht, wie viel schneller die KI arbeitet, sondern was der gesamte Prozess kostet, nachdem die KI ein Teil davon geworden ist. Ist diese Frage durchgerechnet, wird die Entscheidung für die Automatisierung keine Glaubensfrage mehr.

Quellen

  • * DZ BANK, repräsentative Befragung von mehr als 1.000 Inhabern und Geschäftsführern mittelständischer Unternehmen, zitiert nach Börsen-Zeitung, Verlagsbeilage, 24.09.2026, Peter Philipp (DZ BANK): KI wird zum Wettbewerbsfaktor für den deutschen Mittelstand. Wiedergegeben nach der Zusammenfassung des Autors der Veröffentlichung, nicht nach der Studie selbst.
  • Parseur: AI Invoice Processing Benchmarks 2026. Wiedergabe der Daten von Ardent Partners, AP Metrics That Matter (2025, Befragung von 212 Fachleuten). Die Seite wird von einem Softwareanbieter herausgegeben.